Schule für CranioSacral Healing

ganzheitliches Lernen seit 1994

Blogartikel über Gleichgewichtszustände
(aus Newsletter 2/2018)

Das Einstellen eines heilsamen Gleichgewichtzustands ist ein therapeutisches Grundprinzip in craniosacraler Heilarbeit. Wir können es sowohl bei der konkreten Arbeit mit den Händen am Gewebe eines Klienten anwenden als auch unabhängig davon.

Woran merken wir, dass sich ein heilsamer Gleichgewichtszustand eingestellt hat? Auch wenn ein heilsamer Gleichgewichtszustand meistens etwas Unangenehmes beinhaltet, fühlt es sich grundsätzlich stets stimmig, mühelos und harmonisch an. Daher wohnt einem solchen Zustand auch eine gewisse Wärme inne. Aus diesem Grund gebrauche ich den Ausdruck Gleichgewichtszustand und nicht den oft dafür verwendeten Begriff „Neutral“, dem eine gewisse Kühle beiwohnt. Zwar ist es bei der Arbeit mit Gleichgewichtszuständen wesentlich, dass unsere innere Grundhaltung neutral im Sinne von unbefangen ist – dass wir uns in nichts hineinziehen lassen und uns mit nichts, was sich uns zeigt, identifizieren. Während jedoch das Wort „Neutral“ eher die Qualität von „weder … noch …“ hat, geht es bei heilsamen Gleichgewichtszuständen, wie wir gleich sehen werden, vor allem um das „sowohl … als auch …“.

In einem heilsamen Gleichgewichtszustand stellt sich eine Art Gleichklang vom Gewebe, den Flüssigkeiten und der Kraft des Atem des Lebens ein. Wir gewinnen einen tieferen und ganzheitlicheren Zugang zum System des Klienten. Oftmals wird das Gewebe weicher und/oder es zeigen sich all die anderen vertrauten Anzeichen, dass Selbstregulation geschieht.

Die Gleichgewichtszustände im Gewebe zwischen der idealen ausgeglichenen Position und dem Extrem eines Muster stellen sich unter unseren Händen, die dabei stets rezeptiv sind und bereit mitzugehen, ganz von selbst ein, wenn wir mit einem weiten Wahrnehmungsfeld sowohl mit dem Gewebe als auch mit den organisierenden Kräften eingestimmt sind. Diese Gleichgewichtszustände beinhalten zugleich ein Gleichgewicht zwischen dem Ganzen und einem lokalen Muster sowie zwischen den universellen heilenden und den bedingten oder belastenden Kräften in diesem System.
Darüber hinaus gibt es noch viele andere wichtige Aspekte zum Einstellen heilsamer Gleichgewichtzustände, beispielsweise zwischen unserem rezeptiven und weiten lauschenden Grundraum und dem engagierten Eingehen auf strukturelle und/oder energetische Details, zwischen bei uns selbst sein und bei unseren Klienten sein, zwischen Absichtslosigkeit und Absicht etc. …

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Zwei Pole eines Gegensatzpaars in einem Gleichgewichtszustand zu halten, heißt nicht, dass wir dabei notwendigerweise beidem das gleiche Maß von Aufmerksamkeit schenken müssen. Im Gegenteil: Oftmals kann sich erst dann ein Gleichgewichtszustand mit all den oben beschriebenen Kennzeichen einstellen, wenn wir einem Pol 90% oder mehr unserer Aufmerksamkeit geben und den anderen Pol nur am Rand unserer Wahrnehmung miteinschließen.
Entscheidend ist aber, dass wir alles einschließen und nichts ausschließen.
Das können sowohl gegensätzliche Aspekte bei unseren Klienten sein wie auch in uns selbst, oder auch Aspekte, die die Beziehung betreffen, z.B. Raum und Nähe, die wir in einem heilsamen Gleichgewichtszustand halten.

Beim Einstellen von Gleichgewichtszuständen ist es besonders wertvoll und ergiebig, auch Aspekte miteinzuschließen, die viele von uns am liebsten ausklammern würden. Zum Beispiel, wenn es Teil in uns gibt, dem es gerade schwerfällt, für diese Sitzung mit diesem Klienten präsent und motiviert zu sein, gilt es, diesen Teil einzuschließen und in einem Gleichgewichtszustand zu halten mit dem Aspekt in uns, der motiviert ist und mühelos gut präsent sein kann.

Egal, ob es sich um gegensätzliche Aspekte in uns selbst, in der therapeutischen Beziehung oder bei unseren Klienten handelt: Ist einmal eine therapeutische Beziehung etabliert, geschieht beim Einstellen eines Gleichgewichtszustands sowohl für uns selbst als auch für unsere Klienten Heilung – besonders jedoch bei unseren Klienten, deren Heilung ja der ganze Rahmen gewidmet ist.

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Wie beim Gleichgewichtszustand im Gewebe unter unseren Händen müssen wir auch beim Einstellen von anderen Gleichgewichtszuständen das heilsame Gleichgewicht nicht aktiv suchen – es stellt sich ganz von selbst ein, wenn wir innerhalb eines weiten Wahrnehmungsraums Gegensätze mit einschließen, anerkennen und halten. Allenfalls können wir uns fragen, wenn wir gerade nur einen Pol eines Gegensatzpaares wahrnehmen: „Was könnte die andere Seite davon sein? Wo und wie kann ich mit ihr in Kontakt sein? Und wie kann ich diese beiden gegensätzlichen Aspekte in meiner Wahrnehmung so halten, dass sich ein heilsamer Gleichgewichtszustand einstellen kann?“ Auch hier reicht es aus, einfach aufmerksam mit diesen Fragen präsent zu sein und zu lauschen. Alles andere geschieht dann von selbst, wenn wir uns mit unserer eingestimmten Präsenz zur Verfügung stellen.

Mit jedem weiteren Gegensatzpaar, das wir in unser weites Wahrnehmungsfeld einschließen, gewinnen wir noch mehr Weite, noch mehr Zugang, noch mehr Tiefe, noch mehr Ganzheitlichkeit und noch mehr Präsenz. Folglich geschieht noch mehr Heilung.
Dadurch, dass wir alles einschließen und nichts ausschließen, hat unsere Einstellung vor allem etwas von „sowohl … als auch“. Und unsere unbefangene, gelöste Grundhaltung, die sich mit nichts identifiziert und in nichts hineinziehen lässt, bietet zugleich eine Qualität von „weder … noch“. Bei dieser Arbeit mit Gleichgewichtszuständen entsteht durch das „Sowohl-als-auch“ und das „Weder-noch“ ein „Jenseits-von-beidem“. Es geschieht Transzendenz. Es entsteht eine neue Lebendigkeit, die freier, gelöster und integrierter ist. Die innewohnende ursprüngliche Ganzheit kann stärker zu Tage treten und sich manifestieren.

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